Lotunet

(LOTUNET=Lokales TU-Netzwerk)
LOTUNET war die Bezeichnung für eine Reihe recht unterschiedlicher Rechnernetzwerke, die ab 1985 von der TU Dresden und dem Kernforschungszentrum in Dubna (UdSSR) entwickelt wurden.

LOTUNET diente der Kopplung von maximal 254 Rechnern über Koaxkabel (bei einer maximalen Leitungslänge von 500m) oder Glasfaser. Ursprünglich sollte es ausschließlich mit 8-Bit Rechnern (hauptsächlich A5120 und PC1715) arbeiten, ab 1989 konnten dann auch 16-Bit-Rechner und 32-Bit-Rechner im Netz hängen.

Die Topologie war dank des modularen Software-Aufbaus variabel: es konnten linien-, stern- oder ringförmige Netze aufgebaut werden. Zugriffsverfahren wie CSMA/CD, Tokenpassing und Tokenbus waren möglich. Am verbreitetesten war das linienförmige Netz mit dem Zugriffsverfahren CSMA/CD (ähnlich wie Ethernet). Aus dieser Netzwerkart (Lotunet 8.2b) heraus wurde später von Robotron das Rolanet entwickelt. Eine Kopplung mehrerer LOTUNETs per Gateway war geplant. Ob das praktisch realisiert wurde, ist unbekannt.

VersionÜbertragungsrateZugriffsmethodeHardwarebasisStatus
8.1 500 KBitPollingMit Audatec-Netzwerkkarten (IFLS)Erprobung, keine Weiterentwicklung
8.2a76,8 KBitCSMA/CDLeiterplatte IFLS/ALIErprobung, keine Weiterentwicklung
8.2b250/500 KBitCSMA/CDNIU/K1520Soft- und Hardwareentwicklung abgeschlossen, Serienfertigung möglich
8.2c250/500 KBitCSMA/CDNIU/PC-BCSerienfertigung
8.2c250/500 KBitCSMA/CDNIU/HCSerienfertigung
8.3a76,8 KBitTokenringNRZI-Controller (IHS Warnemünde-Wustrow)Erprobung, keine Weiterentwicklung
8.3b500 KBitTokenringOpto-EA-Modul (HU Berlin)Erprobung, keine Weiterentwicklung
8.3c250/500 KBitTokenringNIU/K1520Abbruch der Entwicklung vor Fertigstellung
8.3d250/500 KBitTokenringNIU/PC-BC0Abbruch der Entwicklung vor Fertigstellung
8.3e250/500 KBitTokenringNIU/HCAbbruch der Entwicklung vor Fertigstellung
8.4a76,8 KBitTokenbusILA (Robotron Zella-Mehlis)Erprobung, keine Weiterentwicklung
8.4b250/500 KBitTokenbusNIU/K1520Abbruch der Entwicklung vor Fertigstellung
8.4c250/500 KBitTokenbusNIU/PC-BCAbbruch der Entwicklung vor Fertigstellung
8.4b250/500 KBitTokenbusNIU/HCAbbruch der Entwicklung vor Fertigstellung
8.5a250/500 KBitMSAPNIU/K1520Abbruch der Entwicklung vor Fertigstellung
8.5b250/500 KBitMSAPNIU/PC-BCSerienfertigung
8.5c250/500 KBitMSAPNIU/HCAbbruch der Entwicklung vor Fertigstellung

Die TU Dresden entwickelte neben der Software auch die notwendige Hardware, also Netzwerkkarten (NIU) und Anschlusseinheiten (MAU).


Adapterkarte NIU/PC-BC für Lotunet 8.2c

Lotunet-Medienwandler auf Lichtleittechnik

Adapterkarte für den EC1834

Lotunet-Modul für KC85



Nagema-Lotunet

Als Entwicklungspartner in der Wirtschaft (Pilotprojekt) stieg das Kombinat Nagema, genau gesagt der VEB Verpackungsmittelbau ein, der eine Vernetzung seiner Rechner für ein Leitungsauskunftssystem wünschte. Primäres Ziel war die zentrale Dateiablage für die Kalkulationsblätter (Produktionskennzahlen) der einzelnen Abteilungen, die dann von der Direktion ausgewertet wurden. Bei Nagema kamen als Arbeitsstationen ca. zehn Rechner der Typen A5120 und PC1715 zum Einsatz, als Server fungierte ein umgebauter A5120. Er war anfangs mit vier Diskettenlaufwerken, später mit acht Diskettenlaufwerken und noch später mit einer 20MB-Festplatte bestückt.

Als Betriebssystem wurden auf allen Rechnern speziell angepasste Versionen von CP/A benutzt. Die Authentifizierung der Anwender erfolgte über personengebundenen Disketten, deren Daten auf dem Server hinterlegt waren. Bei erfolgreichen Zugang wurde der Server als zusätzlicher Laufwerksbuchstabe ins Betriebssystem eingehängt, der Zugriff darauf war dann mit allen Programmen möglich. Durch die residente Netzwerksoftware verringerte sich der verfügbare RAM-Speicher auf den Arbeitsstationen auf 44 KByte, was aber für die damalige Zeit ein akzeptabler Wert war. Der Server selbst konnte nicht als Arbeitsstation benutzt werden, da er speicher- und prozessorseitig an seiner Leistungsgrenze arbeitete.

Die Leiterplatten der NIUs und MAUs wurden bei Nagema handbestückt.
Das Nagema-Lotunet war ab 1988 mit der Software LASY einsatzbereit und wurde zur Leipziger Frühjahrsmesse 1988 präsentiert. Im Laufe der Zeit kamen zur Dateiserverfunktion noch die Druckserverfunktion und die Mailfunktion dazu.
Bis 1990 war das Netz bei Nagema in der Breitscheidstraße in Dresden im produktiven Einsatz. Einige andere Betriebe des Kombinats Nagema zeigten ebenfalls Interesse an einem gleichartigen Netzwerk. Ob das dann auch praktisch umgesetzt wurde, ist unbekannt.

Der Umstieg auf 16-Bit-Rechner im Nagema-Lotunet war zwar geplant,wurde aber nicht mehr realisiert. Mit dem Zerfall des Kombinats Nagema wurden die Entwicklungen am Netzwerk eingestellt, das bestehende Netzwerk verschrottet und durch westliche Netzwerktechnik ersetzt.


Netzwerkkarten (NIU)

Die Ankopplung des Netzwerkes wurde in Form einer Steckkarte realisiert. Diese konnte entweder mit oder ohne eigenen Prozessor aufbaut sein. Bei eigenem Prozessor wurde der Rechnerprozessor von der Netzwerkarbeit entlastet und der Rechner damit schneller. Bei Platinen ohne eigenen Prozessor war schaltungsseitig dafür gesorgt, dass der Rechnerprozessor nur dann benutzt wurde, wenn der eigene Rechner auch wirklich an der Kommunikation beteiligt war. Die Adressierung des eigenen Rechners (MAC) wurde über DIP-Schalter auf der Netzwerkkarte vorgenommen.

NameRechnerBemerkungen
NIU/K1520-1für K1520-Rechnerohne Hilfsprozessor
NIU/K1520-2für K1520-Rechnerohne Hilfsprozessor, abgelöst durch NIU/PC-BC
NIU/PC-BCsowohl für K1520-Rechner als auch für PC1715 und PC1715Wohne Hilfsprozessor
NIU/HCfür KC85/1machte Kassettenlaufwerke überflüssig
NIU5für K1520-Rechnermit Prozessor, 16 KByte ROM, 2 KByte RAM, von NIU6 abgelöst
NIU6für K1520-Rechnermit Prozessor, 4 KByte ROM, 60 KByte RAM, Programme per Netz oder per Diskette in den Hilfsprozessor ladbar
NIU7für K1520-Rechner4 KByte ROM, 60 KByte RAM, DMA-Controller
NIU/Unibusfür Rechner PDP11/20, PDP11/70, SM3, SM4, SM1420mit Prozessor
NIU/QBusfür K1600-Rechner

Die Auslieferung der Netzwerkkarten erfolgte als unbestückte Platine mit Stückliste und Montageanleitung. Der Preis für zwei unbestückte Leiterplatten und Software betrug 4000M (für jede weitere Leiterplatte 250M).

Mit dem K1520-Netzwerkkarten konnten die Rechner A5120, A5130, K8911 - K8915 sowie der MPC4 vernetzt werden. Auch für die Mühlhäuser Kleincomputer KC85/2 gab es eine Lotunet-Steckkassette. Die Einbindung der 16-Bit-Rechner in LOTUNET-Netze erfolgte erst am 1989 und betraf die Rechner A7100, EC1834, A7150, P8000,K1840, PC-XT und PC-AT.


Medium-Ankoppeleinheiten (MAU)

Kleine Netze (bis 10 Teilnehmer und Leitungslängen < 400m) wurden ohne Transmittereinheiten (MAU) benutzt (Einsatz von Koax-T-Stücken stattdessen), bei größeren Netzen kam die MAUs der TU Dresden (Stichleitungslänge bis 50m, max 100 Stationen, ISO8802.3-kompatibel) zum Einsatz. Es gab dabei: Die Nutzung der MAU K8601 von Robotron war möglich, wurde aber nicht empfohlen. Die Mischung von Rechnern mit und ohne MAU war nicht möglich.


Software

Die Programmroutinen selbst arbeiteten innerhalb des Betriebssystems KOMI (eine Eigenentwicklung der TU Dresden) und waren damit vom eigentlichen Betriebssystem des Rechners unabhängig. Die Programmmodule konnten dann in andere Systeme eingebaut werden, z.B. SCP, CP/A, RT11, RSX11M, RSX11M+, KOMI und MOSY. Auf den 16-Bit-ACs wurde als Betriebssystem DCP favorisiert.

Die Programmodule waren in vier Schichten aufgebaut:
Es wurden folgende softwareseitige Dienste angeboten:

Die Auslieferung der Software erfolgte auf Quelltextebene (Assembler) oder auf Linkmodulebene. Die Generierung (also den Zusammenbau der Softwaremodule) hatte der Anwender entsprechend seinen Anforderungen selbst zu machen.

Verbreitung

LOTUNET-Netze wurden an verschiedenen Stellen produktiv eingesetzt (der Hersteller sprach von 40 produktiven Netzen), so z.B.: Mitte der 1990er Jahre war LOTUNET dann so veraltet, dass es durch modernere Technik (meist auf Ethernet-Basis) abgelöst wurde.

Viele Komponenten vom Lotunet gelten heute leider als ausgestorben.

Wer besitzt noch Software oder Komponenten von LOTUNET?



Letzte Änderung dieser Seite: 29.11.2016Herkunft: www.robotrontechnik.de