Computer MSD

(MSD=Mikrorechnergesteuerter Schalterdrucker)

(Alias Elektronischer Schalterdrucker, Mikrorechnergesteuerter Schalterdrucker, Mikrorechner-gesteuerter Schalterdrucker)

Allgemeines

Bis Ende der 70er Jahre erfolgte der Fahrkartenverkauf der Deutschen Reichsbahn auf elektromechanischen Schalterdruckern, die kleine Pappfahrkarten durch traditionelle Druckplattentechnik bedruckten, aus vorgedruckten Fahrkarten (ebenfalls Pappfahrkarten) sowie mit handschriftlich auszufüllenden Blankofahrkarten.
Zur Ablösung der traditionellen Drucktechnik, für die für jeden zu druckenden Fahrkartentyp (auch für Ermäßigungen, Zeitfahrkarten etc.) die Vorhaltung einer besonderen Druckplatte erforderte, wurde Ende der 1970er Jahre der MSD entwickelt.


Fahrkartenschalter mit MSD-Rechner

MSD-Fahrschein

MSD-Geräteensemble. Links unten der Drucker.

Entwicklung und Erstellung der ersten MSD-Software erfolgte in der Hochschule für Verkehrswesen "Friedrich List" in Dresden. Die notwendigen Modifikationen der Baugruppen und den Zusammenbau der MSD machte das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) "Roman Chwalek" in Berlin-Schöneweide, das auch die Erstprogrammierung des Programms und der Bahnhofsdaten in die EPROMs der auszuliefernden Geräte vornahm. Die weitere Softwarepflege und Weiterentwicklung erfolgte im wesentlichen durch das Signal- und Fernmeldewerk (SFW) der Deutschen Reichsbahn.

Kurz nach dem MSD ging vom gleichen Hersteller ein weitere Fahrkartencomputer in Produktion: der Fahrkartenautomat MFA, der mit dem MSD viele Gemeinsamkeiten hatte.

Die MSD waren auf zahlreichen Bahnhöfen der DR bis in die 1990er Jahre im Einsatz.
Ende der 1980er Jahre erfolgte schrittweise die Einführung eines Nachfolgesystems auf K1520-Basis mit der Bezeichnung "MSD-U", durch das jedoch meistens keine MSD-Systeme abgelöst, sondern vielmehr noch nicht mit MSD ausgerüstete Fahrkartenschalter modernisiert wurden.
Anfang der 1990er Jahre erfolgte die Ablösung beider Systeme durch das auch bei der Deutschen Bundesbahn gerade eingeführte Verkaufssystem "Kurs90".

Hardware

Der MSD setzte sich aus folgenden Geräten zusammen:

17.002.01.00.00Rechnerschrank
Robotron K7610alphanumerische Tastatur
Robotron K7210Bildschirm (Datensichtgerät) ANA-531
F1200 (modifiziert)Druckwerk
17.002.05.01.00Schneideeinrichtung zu Druckwerk
17.001.09.01.00Kundenpreisanzeige

Der eingesetzte Rechnerschrank entsprach im wesentlichen dem beim PBT4000-Rechner verwendeten Schrankgehäuse.

Das Druckwerk war ein Fernschreiber F1200 des VEB Messgerätewerk Zwönitz, der für den Druckbetrieb am MSD modifiziert wurde, ähnlich dem Druckwerk des MFA. Baugruppen, die für den Fernschreibverkehr nicht notwendig waren, wurden entfernt und es verblieben somit nur das Druckwerk, die Endstufen für das Druckwerk (Baugruppe ED/2) sowie die Schrittmotorenendstufen (Baugruppe ES). Die Ansteuerung der Funktionen (d.h. Ansteuerung der einzelnen Drucknadeln sowie der Transportschrittmotore) erfolgte direkt durch den Rechner.

Bislang entdeckte Änderung des Druckwerks DD61 gegenüber dem Fernschreiber:
Oben auf dem Druckwerk saß das Schneidwerk, das per Elektromagnet den Fahrschein nach dem Druck von der Rolle trennte.

Die Tastatur K7610 bekam eine Art Maske aus Kunststoff aufgeklebt, mit der die Bahn-spezifischen Funktionstasten ihre Beschriftung bekamen.

Der MSD-Rechnerschrank war aus Komponenten des Rechnersystems K1510 aufgebaut. Bei den ersten Geräten (MSD-1) waren für Abschneidevorrichtung, Kundenpreisanzeige und Druckwerkansteuerung I/O-Platinen von Robotron eingebaut (ASI-E, ASI-A), die über zusätzliche Adapterplatinen (ALP-x) die Ansteuerung übernahmen.


MSD der ersten Generation,
mit später umgerüsteten ROM-Karten.

MSD der ersten Generation,
Vorsatzkarten

Der MSD-1 Rechnerschrank war mit folgenden Baugruppen bestückt:

NameKürzelK-NummerSteckplatzBedeutung des Kürzels
051-8480ZVZK201102Zentrale Verarbeitung-Zusatz
051-8470ZVE1 MK251104Zentrale Verarbeitungseinheit 1 (modifiziert)
051-8560ZVE2 MK251106Zentrale Verarbeitungseinheit 2 (modifiziert)
17.001.02.03.00SPE--Speichererweiterung (als Huckepackkarte auf der ZVE2)
051-8260PFSK3810.01074K Festwertspeicher mit max. 16 U552C
051-8260PFSK3810.01084K Festwertspeicher mit max. 16 U552C
051-8260PFSK3810.01094K Festwertspeicher mit max. 16 U552C
051-8260PFSK3810.01104K Festwertspeicher mit max. 16 U552C
051-8260PFSK3810.01114K Festwertspeicher mit max. 16 U552C
051-8260PFSK3810.01124K Festwertspeicher mit max. 16 U552C
051-8260PFSK3810.01134K Festwertspeicher mit max. 16 U552C
051-8590OSSK3512.02144K Operationsspeicher, abgerüstet auf 2K, gestützt durch ein Akkumodul
051-8330ATAK701115Anschlusssteuerung Tastatur
051-8320ASI-EK921016für Sensorfeld, Münzprüfer, Rückgeld, Schlüsseltaster
051-8310ASI-AK921117für Druckwerk, Münzprüfer, Preisanzeige, Rückgeld
051-8300ABSK701018Anschlusssteuerung Bildschirmeinheit

Später baute die Reichsbahn spezielle Leiterplatten, die den Anschluss für die genannten Baugruppen bereits enthielten. Die Geräte wurden dann als "MSD-2" bezeichnet. Vorhandene Geräte wurden bei Bedarf auf die neuen Platinen umgerüstet.


MSD der zweiten Generation, innen.
Einige Kabel fehlen.

Der MSD-2 Rechnerschrank war mit folgenden Baugruppen bestückt:

NameKürzelK-NummerSteckplatzBedeutung des Kürzels
051-8480ZVZK201102Zentrale Verarbeitung-Zusatz
051-8470ZVE1 MK251104Zentrale Verarbeitungseinheit 1 (modifiziert)
051-8560ZVE2 MK251106Zentrale Verarbeitungseinheit 2 (modifiziert)
17.001.02.03.00SPE--Speichererweiterung (als Huckepackkarte auf der ZVE2)
17.003.03.06.00FWS-0916k Festwertspeicher (EPROMs U555), teilbestückt
17.003.03.06.00FWS-1016k Festwertspeicher (EPROMs U555)
17.003.03.07.00CMOS-RAM-132K Operationsspeicher mit Knopfzellenakkus
17.003.03.01.00APA-15Anschlusssteuerung Preisanzeige
17.003.03.02.00ADW-17Anschlusssteuerung Druckwerk
051-8330ATAK701119Anschlusssteuerung Tastatur
051-8300ABSK701020Anschlusssteuerung Bildschirmeinheit

Die Modifikation der Baugruppen ZVE1, ZVE2 und PFS bezogen sich jeweils auf den Einsatz der Speichererweiterung (SPE), die eine Verdoppelung des adressierbaren Speichers ermöglichte.

Wurde ein Fahrschein erstellt, erfolgte zusammen mit dem Absenden des Druckbefehls die Anzeige des Fahrscheinpreises auf der Kundenpreisanzeige, ein im Schalterfenster aufgestelltes Gerät mit einer 5-stelligen LED-Anzeige.
Insbesondere für fremdsprachige Bahnreisende war diese Anzeige sicherlich äußerst sinnvoll und wird auch heute noch bei ausländischen Bahnverwaltungen in neuere Verkaufstechnik mit integriert, während die in Deutschland mittlerweile übliche Technik am Fahrkartenschalter dieses "Feature" nicht mehr enthält.

Die Stromversorgung aller externen (außer Druckwerk) und internen Baugruppen erfolgten bei MSD-1 und MSD-2 durch Standardnetzteile des K1510-Systems die im Rechnerschrank eingebaut waren:

NameElektr. WerteEinsatzgebiet
K0312.03STZ 12 V / 0,1 AMikrorechner, Bildschirm, Preisanzeige
K0310.05STM 5 V / 3,3 A Mikrorechner, Zusatzelektronik
K0310.04STM 9 V / 2,2 A Mikrorechner
K0310.06STM 5 V / 10 A Mikrorechner, Zusatzelektronik
K0310.06STM 12 V / 4,2 AMikrorechner, Bildschirm, Preisanzeige
K0316.02STM 24 V / 2,2 AZugmagnete Abschneidevorrichtung

Zur Sicherung der Abrechnungsdaten, die im Arbeitsspeicher (OSS) abgelegt waren, war beim MSD-1 ein Akkumodul AKM K0315 enthalten, das den Datenerhalt über 12 Stunden Netzabschaltung gewährleistete. Bei MSD-2 übernahmen zwei Knopfzellen auf der Speicherkarte diese Arbeit.

Durch die Speichererweiterungskarte (SPE) waren beim MSD-1 bis zu acht herkömmliche Festspeicherkarten (PFS) im Gerät enthalten, wodurch allerdings durch von Verschmutzung und Qualitätsmängel der EPROM-Fassungen Prüfsummenfehler zu den häufigsten Störungen im Betrieb der MSD-Geräte gehörten.
Dementsprechend wurden, sobald FWS-Karten mit 1k-EPROMs lieferbar waren, alle MSD auf diese Speicherkarten umgerüstet, was aber eine Änderung der Stromversorgung erforderlich machte.

Die Speicherbereiche der PFS-Karten waren zwischen Programm- und Datenbereich getrennt. Der Datenbereich enthielt alle notwendigen Angaben über die gespeicherten Zielbahnhöfe. Abhängig von der Länge der einzelnen Datensätze waren etwa 800 Zielbahnhöfe speicherbar.
Die Bahnhöfe waren, ggf. mit entsprechenden verschiedenen Streckenführungen, mit ihrer Entfernung vom Abgangsbahnhof gespeichert. Jeder Standort besaß also individuelle Daten-ROMs.


Software

Der MSD enthielt nur das Verkaufsprogramm im Festwertspeicher: Dienstprogramme oder ein Betriebssystem waren nicht vorhanden.

Einige Funktionen wurden durch die programmeigene Selbstdiagnose überwacht. So wurde z.B. regelmäßig die Prüfsumme der Festwertspeicher mit den vorgegebenen Prüfsummen verglichen und der Fehler bei etwaigen Abweichungen dem Bediener gemeldet.

Nach dem Einschalten des Rechners (der normalerweise nicht ausgeschaltet wurde, war zunächst Datum und Uhrzeit zu setzen, außerdem ein Kassenabschluss (Schichtabrechnung und Monatsabrechnung) zu machen. Dann war der MSD betriebsbereit.


Minimalistisch: MSD-Startbildschirm

Fahrkarte bereit zum Druck

Auswahl bei mehreren Zielbahnhöfen

Auswahl bei mehreren Fahrstrecken

Die Bedienung erfolgte Dialog-geführt und begann mit der Eingabe des Zielbahnhofs.
War der gewünschte Zielbahnhof in der internen Bahnhofsliste enthalten, erfolgte eine automatische Vervollständigung des Bahnhofsnamens, sobald genug Buchstaben eingeben wurden, um von anderen gespeicherten Bahnhöfen zu unterscheiden (d.h. die Eingabe z.B. von "ANG" wurde durch den MSD zu "ANGERMUENDE" vervollständigt). War ein Bahnhofsname oder Ortszusatz mehrfach vorhanden, so konnte zwischen den verschiedenen Zielen gewählt werden (z.B. Eingabe "SEEBAD" führt zur Auswahl zwischen verschiedenen Bahnhöfen mit Ortszusatz "SEEBAD"), ebenso bei mehreren Wegevorschriften.

War der gewünschte Zielbahnhof im Speicher enthalten, so sprach man von "Online-Betrieb".
Dies hatte jedoch nichts mit einer Datenverbindung zu anderen Rechnern zu tun, sondern war lediglich eine Unterscheidung zum so genannten "Offline-Betrieb", der eintrat, wenn der eingegebene Zielbahnhof nicht im System gespeichert war. Im Offline-Betrieb waren die Zielentfernung sowie der Laufweg vom Bediener einzugeben (vergleichbar mit der Erstellung einer handgeschriebenen Blanko-Fahrkarte).

War der Bahnhof gewählt, wurde das Druckbild des Fahrscheins zum Normalpreis für einen Erwachsenen angezeigt.
Der Bediener konnte nun andere Tarife (Ermäßigungen) auswählen, die jeweils einer Funktionstaste auf dem mittleren gelben Funktionstastenblock zugeordnet waren.
Des weiteren konnte die Anzahl der reisenden Personen geändert werden, ebenso die Zugart (Personenzug, Eilzug, D-Zug, Expresszug). Ein Vorverkauf für andere Reisetage war möglich. Durch Betätigung der Taste "Print" wurde der Druck des Fahrscheins ausgelöst und der Fahrpreis in der Kundenpreisanzeige angezeigt.

Für die Schicht- und Monatsabrechnung waren Abrechnungsfunktionen im Programm enthalten, die entsprechende Daten ausdruckten. Ebenso waren ein Journalausdruck aller verkauften Fahrscheine sowie eingeschränkte Statistikfunktionen möglich. Hierbei konnten unverkaufte Fahrscheine (z.B. Fehldrucke, Probedrucke) eingegeben werden, die dann den Abrechnungsblättern beigefügt wurden.


Servicemenü

Abrechnung

Das Tagesdatum war im RAM gespeichert (gegen Stromausfälle und Rechner-Neustarts durch Akkus gestützt), musste aber vom Bediener jeweils manuell auf den nächsten Tag umgestellt werden. Warum dies nicht automatisch erfolgte, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen.

Die Bahnhofsdaten waren dem Herstellerwerk in Form von Lochbändern durch die Bahnhöfe bereitzustellen. Zu deren Erstellung wurden K1510-Rechner mit Lochbandeinheit, Organisationsautomaten (z.B. Optima 528) oder Kleinrechner KRS4200/4201 empfohlen, die auf den Bahnhöfen oder bei den Reichsbahnämtern vorhanden sein mussten.


Modernisierung der Software

Mit dem Ende der DDR und dem Zusammenschluss von Deutscher Reichsbahn und Deutscher Bundesbahn zu "Deutschen Bahn" kamen neue Anforderungen an den Rechner: sowohl neue Tarife als auch neue Fahrziele nach Westdeutschland. Für diese Umstellung war der MSD nicht gut geeignet: zu wenig ROM-Speicher. Die neuen Tarife (n, Junior-Pass, Senior-Pass,...) wurden anstelle der DDR-Tarife (Arbeiterrückfahrkarte, Schülerfahrkarte, Messesonderfahrkarte,...) eingebaut. Um das Problem mit dem zu kleinen Bahnhofsspeicher zu lösen, wurden Fernbahnzonen mit normierten Tarifen erfunden, man ging also von der Kilometer-genauen Fahrscheinbezahlung weg. Ostdeutsche Bahnhöfe konnten wie gehabt per Bahnhofsname ausgewählt werden, westdeutsche Bahnhöfe nur anhand einer Zonentabelle (die wohl in Papierform vorlag). Auf den Fahrscheinen wurde in jedem Fall nur die Fernbahnzone gedruckt.

Die schon in der DDR geplante geplante Funktion der Erstellung von Zeitfahrkarten wurden anscheinend nie realisiert.

Um das Jahr 1995 verschwanden die letzten MSD aus dem produktiven Einsatz: die erneute Tarifreform wurde nicht mehr unterstützt, moderne westliche Technik kam nun zum Einsatz.


Service-Software

Um bei auftretenden Störungen zu unterstützen, gab es eine zusätzliche ROM-Karte, die die Reparateure bei Bedarf in einen freien Slot steckten. Diese Software ermöglichte auch das Brennen von EPROMs, das Übersetzen von Assemblerprogrammen, die Ansteuerung von Lochbandtechnik und beinhaltete seltsamerweise sogar ein Computerspiel (Mastermind).

Startbildschirm der Service-Software

Service-Software, erstes Menü

Service-Software, zweites Menü

Service-Software, drittes Menü


Verbleib

Standorte, an denen MSD-Computer überlebt haben: Augenscheinlich ist aber kein Exemplar mehr funktionsfähig.

Der im Rechenwerk Halle ausgestellte MFA kann funktionell in einen vorführbaren MSD verwandelt werden.


Letzte Änderung dieser Seite: 29.12.2025 123Herkunft: www.robotrontechnik.de