Mechanische Rechenmaschinen von Ascota
Von 1921 bis 1983 wurden im Buchungsmaschinenwerk in Chemnitz mechanische Rechner hergestellt.
Sie basierten auf einem interessanten Prozessormodul, entwickelt von John Greve. Dieses Prozessormodul wurde nur wenige verändert in allen Rechenmaschine eingesetzt.
Es ermöglichte auch den Aufbau von Mehrprozessormaschinen, wovon besonders bei den Buchungsmaschinen Gebrauch gemacht wurde.
Auch Tischrechner von Soemtron machten von diesem Funktionsprinzip Gebrauch.
Die kleinen Rechenmaschinen sind auf dieser Seite hier beschrieben.
Komplexere Maschinen, die der Klasse der Buchungsmaschinen zuzuordnen sind, sind auf einer separaten Seite beschrieben.
Die elektronischen Modelle sind unter Tischrechner aufgeführt.
Die frühen Modelle wurden unter dem Namen "Astra" vertrieben, später unter "Ascota" und "Daro" und noch später unter "Robotron".
Ab Anfang der 1970er Jahre stellt das Herstellerwerk seine Produktion zunehmend auf elektronische Rechner um,
die den mechanischen Rechnern an Rechengeschwindigkeit, Speicherkapazität, Geräuscharmut und einfachen Aufbau dann überlegen waren.
Trotzdem blieben viele mechanische Rechner noch bis zum Ende der DDR im produktiven Einsatz.
Rechenmaschine Astra 110 / Ascota 110
(Alias daro 110, daro110, Ascota110, Klasse 110, Klasse110)
Diese Maschine wurde als "Schnellsaldiermaschine" bezeichnet, sie war also in der Lage, auch Ergebnisse kleiner als Null zu errechnen.
Sie wurde von 1953 bis 1968 produziert und u.a. zur Lohnrechnung, zur Lagerverwaltung und als Kasse in Läden eingesetzt.
Anfangs war die Gerätebezeichnung "Astra 110" später wechselte der Hersteller auf das Markenzeichen "Ascota".
 Saldiermaschine Ascota 110 |
 Ascota 110, Ansicht von rechts
|  Ascota 110, Ansicht von links |
 Innenansicht der Ascota 110, Farbbandsystem entfernt
|  Innenansicht der Ascota 110 von links |
Die Berechnungen wurden durch ein elektromechanisches dezimales Rechenwerk (angetrieben von einem drehzahl-geregelten Elektromotor)
mit 10 Vorkommastellen und 2 Nachkommastellen (Wertebereich -9,99 Milliarden bis +9,99 Milliarden, das entspricht bei binären Maschinen einer Busbreite von 41 Bit!)
durchgeführt, zur Ausgabe diente ein Streifendruckwerk auf Typenstangenbasis.
Stand gerade kein Strom zur Verfügung (was in dieser Zeit ab und zu vorkam), konnte die Astra 110 auch der mitgelieferten Kurbel angetrieben werden.
Interner Aufbau
Die Klasse 110 basierte nicht auf den klassischen mechanischen Rechenverfahren, sondern hatte eine eigene Lösung,
die sich hervorragend für ausbaubare Maschinen (Also Einsatz mehrerer Prozessoren, mehrerer Speicher und mehrerer Ein/Ausgabegeräte eignete.
Die Eingabe der Zahl erfolgte über eine Zehnertastatur. Unter ihr befand sich eine Matrix aus in der Höhe verschiebbaren Metallnippeln (Stellstücken).
Eine Ziffer beanspruchte stets 1 ganze Spalte dieser Matrix, es war nach dem Tastendruck immer 1 Nippel dieser Spalte gedrückt.
Anschließend rutschte die Matrix seitlich um 1 Spalte weiter.
Diese Art der Eingabe sorgte automatisch dafür, dass die Zahlen rechtsbündig im Rechenwerk und auf dem Papier landeten.
Als Datenbus fungierte in dieser Maschine eine Schar von zwölf Zahnstangen, auf die alle Zählwerke und Stellstückmatrizen separat eingekuppelt werden konnten
und die mit Federn nach hinten vorgespannt waren.
Beim Maschinengang (Rechenzyklus) wurden diese Zahnstangen im Fall der Tastatureingabe durch einen Nocken nach vorn gedrückt, angehoben und entsperrt.
Durch ihre Feder konnte jede Zahnstange so weit zurück schnippen, bis der an ihrem vorderen Ende angebrachte Haken sich am Nippel (Stellstück) der jeweiligen Ziffer verhakte.
In der Verschiebung der Zahnstangen war damit die Zahl codiert.
Um den Wert in einem Zählwerk zu speichern (bzw. aufzurechnen), musste im richtigen Moment eine mit einer Schar Zahnräder versehene Achse auf die Zahnstangen gekuppelt werden.
Die Verschiebung der Zahnstangen manifestierte sich danach als unterschiedliche Verdrehung der Zahnräder.
Nach Auskuppeln der Achse war die Zahl damit im Zählwerk gespeichert.
Subtraktionen wurden ähnlich gemacht, allerdings wurde dazu ein Zwischenzahnrad als Rückwärtsgang eingekuppelt.
 Rechenwerk, Ansicht von rechts
|  Rechenwerk, Ansicht von links |
 Hinteres Ende der Zahnstangen (Papiereinheit entfernt) |
Um die Zahl aus einem Zählwerk auszulesen, wurde die Zählwerksachse bei parallel stehenden Zahnstangen eingekuppelt.
Jede Zahnstange konnte sich dann durch ihren Federzug so weit verschieben, bis ihr Zahnrad des Zählwerkes auf Null stand (dies wurde durch einen verlängerten Null-Zahn erreicht).
Die Zahl war damit aus den Zählwerk in die Zahnstangen gewandert, das Zählwerk selbst war gelöscht (= Summen-Auslesen).
Sollte die Zahl im Zählwerk bleiben (= Zwischensumme), musste nach dem Auslesen und Rechnen die selbe Zahl mit den Zahnstangen
wieder in die Zahnräder der Achse eingerollt werden, ähnlich wie bei einem Kernspeicher.
Ein Rechenvorgang bestand aus drei Teilschritten:
- Umschaltphase (Grundzustand): in diesem Zustand war der Prozessor von den Zahnstangen getrennt, das Speicherregister war abgetrennt und die Zahnräder waren blockiert
Das Werk konnte jetzt ggf. zwischen Addition und Subtraktion umgeschaltet werden, die Speicherklinken für den Zehnerübertrag konnten jetzt gespannt und arretiert werden.
- Datenphase: in diesem Zustand war der Prozessor auf die Zahnstangen eingekuppelt, das Speicherregister war eingekuppelt die Blockierung der Zahnräder war aufgehoben.
Die Zahlen konnten jetzt in das Rechenwerk eingerollt werden. Kam es bei Stellen zu einem Zehnerübertrag, wurde er durch eine kleine Verschiebung der jeweiligen Zehnerübertragsklinke gespeichert.
- Übertragsphase: in diesem Zustand war der Prozessor von den Zahnstangen getrennt, das Speicherregister war eingekuppelt.
Die vorher ggf. verschobenen Zehnerübertragsklinken schnippten die benachbarten Zahnräder (mit der kleinsten Stelle beginnend) bei Bedarf um 1 Zahn weiter, anschließend verriegelte das Werk.
 Typenstangen des Druckwerks
|  Druckbild der Astra 110 |
Mit der Verschiebung jeder Zahnstange wurde ein Typenhebel entsprechend der Ziffern angehoben und anschließend mit einem Hammer durch das Farbband auf das Papier geschlagen.
Auf diese Weise druckte die Maschine.
Zusätzlich zur Zahl wurde ein Symbol gedruckt, das die Art der Operation beschrieb (also die Operationstaste, die als letztes gedrückt wurde).
Negative Werte (sowohl Eingabewerte als auch negative Zwischen- und Endsummen) konnten bei Einsatz eines zweifarbigen Farbbandes rot dargestellt werden
im Gegensatz zum schwarzen Druck der positiven Werte. Intern wurde diese Umschaltung durch ein automatisches Anheben des Farbbandes realisiert.
Rechenwerk, Druckwerk und Eingabewerk der Astra 110 wurden in leicht abgewandelter Form außer in den anderen Geräten der Ascota-110-Serie
auch in den Buchungsautomaten Ascota 071 und Ascota 170 benutzt.
Das Innenleben der Astra 110 war recht komplex, dies schlug sich trotz kleiner Abmessungen in einem recht hohem Gewicht nieder.
Bedienung
Die Maschine besaß folgende Tasten:
- Zifferntasten 0 bis 9: Eingabe von Zahlen. Ein mitwandernder Zeiger dokumentierte die Anzahl der eingegebenen Ziffern.
- 00: Eingabe von zwei Nullen (Zeitersparnis gegenüber der einzelnen Eingabe)
- 000: Eingabe von drei Nullen (Zeitersparnis gegenüber der einzelnen Eingabe)
- +: Addieren der eingegebenen Zahl zum aktuellen Wert des Zählwerkes, das Eingabewerk wurde dabei gelöscht, gedruckt wurde die eingegebene Zahl
- -: Subtrahieren der eingegebenen Zahl vom aktuellen Wert des Zählwerkes, das Eingabewerk wurde dabei gelöscht, gedruckt wurde die eingegebene Zahl
- <>: Ausgabe der Inhalt des Zählwerkes auf dem Druckwerk, der Inhalt des Zählwerkes blieb erhalten = Zwischensumme
- *: Ausgabe der Inhalt des Zählwerkes auf dem Druckwerk, der Inhalt des Zählwerkes wurde gelöscht = Endsumme
- #: Drucken der eingegeben Zahl ohne Veränderung des Zählwerkes. z.B. für Kontonummer. Das Eingabewerk wurde dabei gelöscht,
- R+: Addieren der eingegebenen Zahl zum aktuellen Wert des Zählwerkes, das Eingabewerk wurde nicht gelöscht, gedruckt wurde die eingegebene Zahl.
Das Zählwerk wurde anschließend um 1 Stelle verschoben, um mehrstellige Multiplikationen zu ermöglichen
- R-: Subtrahieren der eingegebenen Zahl zum aktuellen Wert des Zählwerkes, das Eingabewerk wurde nicht gelöscht, gedruckt wurde die eingegebene Zahl.
- Löschhebel für das Eingabewerk. Hatte man rechtzeitig gemerkt, dass man sich vertippt hatte, konnte damit die Eingabe korrigiert werden.
Die Multiplikation mit dieser Maschine war möglich, aber nicht ganz einfacht. Der Multiplikant war einzutippen. Anschließend war die R+-Taste
so viele Umdrehungen lang gedrückt zu halten, wie die letzte Stelle des Multiplikators.
Dann war die R+-Taste loszulassen und so viele Umdrehungen lang erneut zu drücken, wie die vorletzte Stelle des Multiplikators, usw.
Um den Druck der Zwischenschritte bei der Multiplikation zur unterdrücken, hatte die Maschine dazu seitlich einen Abstellhebel.
Verbreitung
Von der Ascota 110 gibt es heute noch einige Exemplare, einige sind davon erfreulicherweise noch oder wieder funktionsfähig.
Rechenmaschine Astra 111 / Ascota 111
(Alias daro 111, daro111, Ascota111, Klasse 111, Klasse111)
Bei der 111 handelt es sich um eine erweiterte Variante der Ascota 110, ebenfalls ab 1953 produziert.
Im Gegensatz zur 110 hatte die 111 keinen Streifendrucker, sondern einen Schreibwagen mit 32 cm Breite, der manuell verschoben werden konnte.
Die Ascota 111 gilt heute als ausgestorben.
Rechenmaschine Astra 112 / Ascota 112
(Alias daro 112, daro112, Ascota112, Klasse 112, Klasse112)
Bei der 112 handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Ascota 110, ebenfalls ab 1953 produziert.
Im Gegensatz zur 110 hatte die 112 keinen Streifendrucker, sondern einen Schreibwagen mit 32 cm Breite.
Er enthielt zwei einstellbare Anschläge (Schüttelwagen), mit denen zwei Spalten auf dem Papier erstellt werden konnten (links für die Kontonummer, rechts für den Betrag).
Die Umschaltung auf "Nicht-rechnen" für die linke Spalte und "Rechnen" für die rechte Spalte erfolgte automatisch.
Die Rechenfunktionen waren mit der der Ascota 110 identisch.
 Rechenmaschine Ascota 112 |
Heute gilt die Ascota 112 als ausgestorben.
Rechenmaschine Astra 113 / Ascota 113
(Alias daro 113, daro113, Ascota113, Klasse 113, Klasse113)
Die 113 war eine Variante der Ascota 112, hatte aber anstelle des Schüttelwagens einen 32 cm breiten Springwagen, konnte also mehrere Tabstops setzen und nacheinander anspringen.
Die übrigen Funktionen waren vermutlich mit der 112identisch.
Die Maschine wurde ab 1953 produziert.
 Rechenmaschine Astra 113 |
Die Ascota 113 gilt heute als ausgestorben.
Rechenmaschine Ascota 114
(Alias daro 114, daro114, Ascota114, Klasse 114, Klasse114)
Diese von 1966-1972 produzierte Maschine war der Nachfolger der Ascota 110.
Im Gegensatz zur 110 war die 114 in der Lage, mit 1 Tastendruck auch zu multiplizieren, was man im damaligen Sprachgebrauch als "Dreispeziesrechner" bezeichnete
Allerdings mussten mechanischen Multiplikationen auch in diesem Fall sequenziell abgearbeitet werden, benötigten also mehrere Maschinengänge.
Die beiden Repetiertasten hatte man bei der 114 gegenüber der 110 weggelassen,
da das Vorhandensein der Multipliziertaste diese beiden entbehrlich macht.
 Innenansicht der Ascota 114
|  Innenansicht der Ascota 114 |
Das Gehäuse war gegenüber der Ascota 110, dem Geschmack der Zeit folgend, etwas eckiger geworden.
Nachfolger der 114 war die 314, die auch ein recht ähnliches Gehäuse besaß.
Von der Ascota 114 sind heute noch 2 Exemplare bekannt,
Rechenmaschine Ascota 115
Über diese als ausgestorben geltende Maschine liegen noch keine Informationen vor.
Rechenmaschine Ascota 116
(Alias daro 116, daro116, Ascota116, Klasse 116, Klasse116)
Die ab 1960 produzierte Ascota 116 verfügte im Vergleich zu den vorigen Modellen über zwei Saldierwerke.
Auf diese Weise konnten u.a. Sammelrechnungen erstellt oder eine Tagessumme ermittelt werden.
Die 116 war wegen des zweiten Saldierwerks auch äußerlich ein Stück länger als die anderen Modelle.
 Rechenmaschine Ascota 116 |
 Innenansicht der Ascota 116
|  Innenansicht der Ascota 1116 |
Die Ascota 116 gilt heute als ausgestorben.
Rechenmaschine Ascota 314
(Alias daro 314, daro314, Ascota314, Klasse 314, Klasse314)
Dieser von Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt entwickelte
und ganz oder teilweise bei Secura hergestellte Tischrechner wurde in Läden als Kasse sowie zur innerbetrieblichen Abrechnung eingesetzt.
Bedienung, Innenleben und Gehäuse war denen der Ascota 114 ähnlich.
Einzige erkennbare Unterschiede liegen im Einsatz eines anderen Motors und einer anderen Elektrik.
 Tischrechner Ascota 314
|  Rückseite der Ascota 314 |
 Tischrechner Ascota 314 |
 Innenansicht der Ascota 314 von links
|  Innenansicht der Ascota 314 von rechts |
 Innenansicht der Ascota 314 von oben |
 Druckwelle mit Gradskala für die Reparatur
|  Kurvenscheiben auf der Druckwelle |
 Das Rechenwerk der Ascota 314
|  Druckwerk der Ascota 314 |
Zitat aus der Bedienungsanleitung:
Dieser Rechenautomat garantiert Ihnen schnelles und sicheres Rechnen und kann in allen Bereichen der Wirtschaft vielseitig eingesetzt werden.
Gutdurchdachte Konstruktion, formschöne Gestaltung, Schnelligkeit und Sicherheit sind Merkmale, die unser Erzeugnis auszeichnen. Sie werden erkennen,
dass Ihnen dieses Gerät mit seiner großen Leistungsfähigkeit enormen Zeitgewinn bietet und ein unentbehrlicher Helfer für sie sein wird.
Die Eingabe der Zahlen erfolgte über 10 Zifferntasten, zusätzlich gab es je eine Taste für Addition, Subtraktion, Multiplikation und Endergebnisanzeige.
Außerdem existierte eine Funktion zur Zwischenergebnisanzeige sowie zur Eingabe "nicht-rechnender" Werte (z.B. Artikelnummer).
Da das Gerät generell mit zwei Nachkommastellen arbeitete und keine Kommataste hatte, wurden die beiden letzten Stellen der Eingabe stets als Nachkommastellen interpretiert.
 Darstellung der Ascota 314 auf einem Wandkalender |