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11.02.2026, 22:17 Uhr
Bert
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| Zitat: | P.S. schrieb Hat denn Herr Haase meine Anekdoten bzgl. meiner Begegnung mit Prof. Hartmann zum Besten gegeben? |
Ja 
Im Vortrag von Dr. Hans Becker tauchte auch die folgende Folie auf:

Bemerkenswert fand ich zwei Sprünge:
1. den Sprung im Lithographieniveau zwischen 1 mm und 20 µm (Faktor 50!) und
2. der Sprung in der Komplexität zwischen dem D120C und dem U820D.
Ich hatte mich - bis dato - für die Geschichte der Taschenrechner nur so nebenbei interessiert, aber da war meine Neugierde geweckt. Warum gab es ausgerechnet den U820D als einer der ersten komplexen LSI-Schaltkreise?
Als Vorbild wird der TMS0101 von Texas Instruments genannt. Da dachte ich noch, das 'Vorbild' bezieht sich nur auf die Funktionsweise und die Blockstruktur.
Mir war noch der Emulator [1] von 'Dunkelwind' in Erinnerung und ich wußte da läuft ein Mikroprogramm im Schaltkreis. Dieses Mikroprogramm mußte ja jemand entwickelt haben.
Herr Becker konnte mir im Nachgang nicht sagen, woher das 'Innenleben' des U820D stammt und wer das Mikroprogramm entwickelt hat.
Die Belichter konnten zum Zeitpunkt dieser Entwicklung eine Fläche von 3x3 mm belichten. Für den U820D waren 6x6 mm nötig. Dazu musste mit entsprechend exakter Ausrichtung vier Mal belichtet werden:

Warum entwickelt da jemand einen Chip, der nicht zur vorhandenen Ausrüstung passt? Normalerweise hätte man da eine Aufteilung auf mehrere Chips vorgenommen (Chipset).
Vielleicht finden wir mit einer kleinen Recherche raus, wo das Mikroprogramm herkommt. Zuerst habe ich electronica Heft 179 "Schaltbeispiele mit dem Rechnerschaltkreis U 820 D/U 821 D" gefunden [2].
Zur zeitlichen Einordnung ein Zitat aus dem Vorwort (12/1978): "... ein 1978 verfügbares Angebot eines verbilligten Basteltyps des U 820 D und später (Anfang 1979) durch ebenso preisgünstige Anfalltypen des U 821 D."
Zur eigentlichen Entwicklung des Schaltkreises habe ich im Heft nichts gefunden, aber einen Literaturverweis auf die Zeitschrift radio-fernsehen-elektronik (rfe).
Im rfe-Artikel [3] finden sich detaillierte Blockschaltbilder zum U820/U821D und auch die Arbeitsweise wird dargestellt. Der Autor hat sich offensichtlich intensiv mit den Interna des U820 auseinandergesetzt. Woher hat er seine Informationen? Für die Speicher werden z.B. folgende Daten genannt: Arbeitsspeicher: 14 Zeilen á 13 Bit (=182 Bits) Festwertspeicher: 320 Worte á 11 Bit (=3520 Bits) Erläutert wird auch eine aufwändige Kopplung mit dem U808D. Offensichtlich sollte der U820D da als arithmetischer Prozessor genutzt werden.
Als Literaturquelle wird u.a. wieder auf die rfe verwiesen [4]. Der Titel "Informationswandlung mit Rechnerschaltkreis U 820 D" klingt für mich etwas seltsam, aber das ist die offizielle Vorstellung des Schaltkreises in der rfe. "Auf der Leipziger Frühjahrsmesse [1975] wurde der im Industriezweig VVB RFT Bauelemente und Vakuumtechnik für den Einsatz in elektronischen Taschenrechnern entwickelte MOS-Schaltkreis U 820 D vorgestellt." Angedacht wird in dem Beitrag auch schon eine Nutzung außerhalb von Taschenrechnern.
Im rfe-Bericht von der Leipziger Frühjahrsmesse [5] steht: "[der Schaltkreis] wird in elektronischen Taschenrechnern (minirex 75) eingesetzt."
Nun gab es vorher schon den Minirex 74 und den Minirex 73. Dort kamen laut [6] Importschaltkreise von Texas Instruments (TI) oder Mostek zum Einsatz. Das scheint eine Forumssuche zu bestätigen [7a-d]. Da taucht der U820D erst mit dem Minirex 75 auf. Aber offensichtlich sind die Schaltkreise pinkompatibel.
Richi´s Lab [8] hat ja schon festgestellt, daß das sich U820D und TMS0105 von TI sehr stark gleichen. Die technischen Daten "The chip integrates 3,520 Bits Read-Only program Memory (ROM, 320 Words * 11 Bits), a 182-bit Serial-Access Memory ..." von [9] sind ebenfalls identisch.
Fertigungstechnisch gesehen eine starke Leistung, aber ich bin trotzdem enttäuscht. Es wurde sich nicht am Vorbild 'orientiert', sondern dieses 1:1 kopiert, inklusive dem Mikroprogramm...
Verweise
[1] https://www.richis-lab.de/images/calc/U821Emu.html
[2] electronica Band 179 K. Schlenzig, K.-H. Bläsing Schaltbeispiele mit dem Rechnerschaltkreis U 820 D/U 821 D
[3] N. Wengel, Universität Rostock Aufbau, Wirkungsweise und Einsatzerweiterung von Taschenrechnerschaltkreisen radio-fernsehen-elektronik 5/1978, S. 318-323
[4] M. Meder, M. Conrad, Funkwerk Erfurt Informationswandlung mit Rechnerschaltkreis U 820 D radio-fernsehen-elektronik 23/1975, S. 779-781
[5] Leipziger Frühjahrsmesse 1975 radio-fernsehen-elektronik 11/1975, S. 350
[6] https://www.robotrontechnik.de/html/computer/taschenrechner.htm
[7a-d] https://www.robotrontechnik.de/html/forum/thwb/showtopic.php?threadid=1516 https://www.robotrontechnik.de/html/forum/thwb/showtopic.php?threadid=2293 https://www.robotrontechnik.de/html/forum/thwb/showtopic.php?threadid=7708 https://www.robotrontechnik.de/html/forum/thwb/showtopic.php?threadid=8400
[8] https://www.richis-lab.de/calc04.htm
[9] http://www.datamath.org/Chips/TMS0100.htm -- Viele Grüße, Bert |