DDR-Geldautomat

Die Staatsbank der DDR beauftragte ca. 1983 das Kombinat Nagema mit der Entwicklung und Produktion eines mikroprozessorgesteuerten Geldausgabeautomaten. Er wurde im VEB Wägetechnik Rapido Radebeul in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule für Verkehrswesen Dresden entwickelt und ab 1985 in einem extra dafür errichteten Gebäudekomplex produziert.
Das Gerät diente dem Abheben von Bargeld (20- und 50-Mark-Scheine, Mindestbetrag 40 Mark, Stufung 10 Mark, Maximalbetrag 500 Mark/Tag) mit Hilfe einer Geldkarte. Der Vorteil des Geldautomaten gegenüber dem Besuch des Bankschalters lag in der kürzeren Wartezeit des Kunden sowie in der Möglichkeit, auch außerhalb der Banköffnungszeiten Geld abzuheben.


Sparkassen-Geldautomat

Geldautomat.

Rückansicht des geöffneten Gerätes

Für einen Geldabhebevorgang hatte der Kunde seine Geldkarte in den Kartenschlitz einzuführen, woraufhin sich die vor dem Bedienteil befindliche Schutzscheibe öffnete. Nach Eingabe seiner PIN konnte der Kunde einen Geldbetrag auswählen. Der Automat entschied in Abhängigkeit vom Füllstand seines Tresors über die Stückelung des Geldes. Nach der Akzeptierung durch den Bediener wurde das Geld ausgegeben, eine Auszahlungsquittung gedruckt (parallel dazu erfolgten auch ein Eintrag in das automaten-interne Druckjournal sowie eine Abspeicherung der Vorgänge auf Diskette), dann wurde die Geldkarte an den Kunden zurückgegeben und die Schutzscheibe schloss sich wieder vor dem Bedienteil. Die Menge des pro Kunde täglich abhebbaren Geldes war begrenzt auf 500 Mark, die Tagessumme wurde bei jeder Abhebung vom Geldautomat auf der Geldkarte vermerkt.

Der Geldautomat war meist von der Außenwand der Sparkasse aus zu bedienen, wodurch nur das Bedienteil durch den Wanddurchbruch öffentlich sichtbar war, während der Automat innen im Gebäude stand. Es gab aber auch gebäudeinterne Automaten, bei denen dann auf eine Schutzscheibe verzichtet wurde.

Im Inneren des Geldautomaten werkelte ein speziell ausgerüsteter K1520-Rechner, ein entfernter Verwandter des Bürocomputers K8924.
Er übernahm die Bildschirmausgabe, das Lesen der Geldkarte (Magnetkarte) sowie die Eingabe von PIN und Geldbetrag per Kundentastatur. Die Steuerung des Geldtransportes aus dem unten befindlichen Tresor wurde dann über separate Prozessor-Systeme auf Basis gerätespezifischer Karten mit Einchipmikrorechnern abgewickelt.
Der eingebaute Drucker K6316 war für den Beleg-Ausdruck zuständig. Einige Komponenten davon wurden von Robotron zugekauft, andere wurden speziell für den Automat produziert.


Innenansicht oben: Rechner und Netzteile

Innenansicht unten: Tresor und Geldtransporteinheit

Die Rechnereinheit im Detail

Eine der Rechnerplatinen

Als Betriebssystem kam SIOS von Robotron zum Einsatz, die Software für den Rechner wurde vermutlich von der Staatsbank Berlin geschrieben. Beim Einschalten bootete der Rechner von Diskette und lud anschließend seine Anwenderprogramm. In weiteren Diskettenlaufwerken steckten Datendisketten.

Eine Vernetzung der Geldautomaten mit der Bank gab es damals noch nicht. Beim täglichen Nachfüllen des Geldes wurden demzufolge neben den Protokoll-Ausdrucken auch die Disketten mit den Buchungsdaten ausgetauscht und diese dann in der Bank in deren EDV-System eingespielt.


Das Bedienteil des Geldautomaten

Typenschild des Geldautomaten

Bei mehrfach falscher PIN-Eingabe behielt der Automat die Karte ein und man bekam sie allenfalls am Folgetag am Bankschalter wieder. Der Geldautomat war mit verschiedenen Sensoren ausgerüstet, die bei Aufbrechversuchen Alarm schlugen, er reagierte u.a. auf verdächtig hohe Temperaturen, auf Erschütterungen sowie auf Öffnung des Schrankes. Die Alarmauslösung erfolgte dann über das ohnehin in dem Sparkassen vorhandene Raumschutzsystem. Der Tresor war durch ein Schlüsselschloss und ein Zahlenschloss gesichert, ggf konnten Schlüssel und Codekombination auf unterschiedliche Servicepersonen verteilt werden (Vieraugenprinzip).
Mit seinem Gewicht von mehr als 1/2 Tonne hätte ein Stehlen des Automaten den Einsatz schwerer Hebetechnik vorausgesetzt. Im Tresor befand sich außer dem Geld auch das Sicherheitsmodul, das computergesteuert die vom Kunden eingegebene PIN mit dem verschlüsselt auf der Karte abgelegten Wert verglich. Um das Verfahren geheimzuhalten, war das Sicherheitsmodul mit einem Selbstzerstörer ausgerüstet. In wieweit diese Maßnahmen gerechtfertigt waren, lässt sich nicht mehr feststellen: in der damaligen Medien wurde zumindest nicht über Missbrauch des Geldautomaten berichtet. Der Funktionszustand der Automaten konnte bei Bedarf durch farbige Lämpchen von einer Zentrale aus überwacht werden.

Dass die Geldautomaten damals manchmal wegen Störungen außer Betrieb waren, lag primär an den strengen Anforderungen bei der Prüfung der Geldscheine: Jeder Geldschein wurde vor der Ausgabe intensiv kontrolliert (u.a. seine Maße mit Hilfe von Lichtschranken). Wurde ein Sicherheitsmerkmal nicht gefunden oder eine Beschädigung erkannt, so wurde der Geldschein nicht ausgegeben, sondern landete in einem speziellen Ablagefach im Tresor. Da die Geldautomaten nur eine geringe Anzahl an bemängelten Geldscheinen zurückbehalten konnten, deaktivierten sich der Automat deswegen manchmal. Warum die Geldautomaten damals nicht mit vorgeprüften Geldscheinen bestückt wurden, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Während die Geldautomaten für eine Arbeit ohne Bankangestellte ausgelegt waren, wurde die Geldkarte auch für Vorgänge am Bankschalter zusammen mit dem Bankangestellten benutzt, was neben Geldbewegungen und Kontoauszügen auch die Ausstellung der Geldkarten betraf. Für diesen Zweck kam der Computer K8924 zum Einsatz. Die Geldautomaten wurden vermutlich ausschließlich von der Sparkasse betrieben, die Computer K8924 im Zahlungsverkehr hingegen auch von Post und Bahn.

Die DDR-Geldautomaten kamen zunächst in den Großstädten zu Einsatz, bald darauf auch in den Kleinstädten. Über die produzierten Stückzahlen liegen keine Informationen vor, Schätzungen gehen in die Größenordnung 700 Exemplare.
Nicht jeder Bankkunde nutzte damals eine Geldkarte, da die Geldauszahlung auch am Bankschalter möglich war und mancher Kunde der Automatentechnik auch nicht recht traute.

Mit der politischen Wende zogen bundesdeutsche Banken in das Gebiet der DDR ein und brachten ihre eigenen Geldautomaten mit. Einige DDR-Automaten wurden noch auf D-Mark umgerüstet, dann allerdings schrittweise ersetzt. Von der Auflösung der DDR-Kombinate 1990 war auch Nagema betroffen, es erfolgte daher im Bereich Geldautomaten keine Nachfolgeentwicklung.

Es ist heute schwierig, Fachwissen über dieses Gerät zu finden, da damals aus Sicherheitsgründen darauf geachtet wurde, dass selbst die Konstrukteure kein Übersichtswissen bekamen. Von den Entwicklern des Geräts hat sich leider nie jemand gemeldet.

Vom Geldautomat hat vermutlich nur 1 Exemplar überlebt: es befindet sich in den Technischen Sammlungen Dresden.



Letzte Änderung dieser Seite: 03.01.2019Herkunft: www.robotrontechnik.de